Bekenntnis eines Kalligraphen

"Wer schreibt, der bleibt" - Ein leicht dahergesagtes Sprichwort. Ist es aber auch so leicht in einer Zeit, da kaum noch jemand von Hand schreibt, die "Kunst des Schreibens" auszuüben und für sie einzustehen?
In unseren Tagen muß der Kalligraph sich immer wieder gefallen lassen, mit den Mönchen des Mittelalters in einen Topf geworfen zu werden, denn er dreht ja das Rad des vermeintlichen Fortschritts zurück. Ist es da verwunderlich, wenn diese Kunstform allmählich ausstirbt und selbst aus den Kunstschulen verbannt wird! Lehrer, die diese Kunst noch beherrschen, treten nicht mehr öffentlich für sie ein, denn niemand möchte gern als Reaktionär abgestempelt werden. Nicht selten ist daher in den letzten Jahren die Schreibfeder mit dem Pinsel vertauscht worden und nur durch Umwandlung der Klassen konnte man ins Lager der Progressiven überwechseln. Die Schrift wurde teilweise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Für das Junge Schreibtalent, das diese Beobachtungen macht, gibt es da nur eines: resignieren oder gegen den Strom schwimmen.
Auch ich war nahe daran angesichts der bahnbrechenden Erfindung Gutenbergs und der sensationellen Entwicklung dieser neuen Kunstform der Kalligraphie keine Überlebenschance zu geben und beinahe hätte ich miteingestimmt in den "Grabgesang der unzeitgemäßen Kunst des Schreibens."  Doch konnte ich mir trotz des Glanzes dieser weltweit anerkannten und verherrlichten "Schwarzen Kunst" noch einen Blick freihalten für die Schattenseiten. Schließlich sind die Handschriften des Mittelalters ja nicht nur Mittel zum Zweck gewesen, sondern zugleich Ausdruck hoher Kultur, und sie geben uns noch heute einen Abglanz des geistigen Abendlandes. Sie sind zwar durch schnellere und rationellere Ausdrucksformen ersetzt worden, doch scheint mir das Schlagwort "unzeitgemäß" auf die Weiterführung dieser großen Tradition nicht anwendbar zu sein. Das Stichwort "unzeitgemäß" wird zum Modewort deklassiert, wenn ihm großartige Kulturgüter geopfert werden müssen.
So mag es nur allzu verständlich klingen, wenn die Kalligraphie neben den sich üppig entwickelnden Töchtern Gutenbergs vom aufgehenden Kuchen wachsender Publikationen kaum noch etwas abbekam und an der großen Tafel der "schwarzen Kunst" kaum noch gefragt war.

Die "Meister der Schreibkunst", lange Zeit hochgeschätzt und geachtet, waren nach Schließung der letzten Schreibmeisterstuben zu Einzelgängern geworden. Sie wurden zwar immer dann herangezogen, wenn ein Unikat benötigt wurde, denn dies war für den Druck unrationell. Erfolge aber wurden fortan weniger nach ästhetischen Gesichtspunkten als vielmehr nach Menge, Schnelligkeit und Verbreitungsgrad der Publikationen gewertet.
Das Ansehen der "Jünger der Schwarzen Kunst" stieg von Jahr zu Jahr. Dennoch wurde der Maßstab, den Gutenberg mit seiner 42zeiligen Bibel gesetzt hatte, nicht übertroffen. Ein Buch, das "wie geschrieben" aussah und in weit mehr als hundert Exemplaren von gleicher Schönheit vervielfältigt war, konnte nur im Bund mit dem Teufel entstanden sein. So urteilten die Zeitgenossen, und sie hatten nicht ganz unrecht. Denn wo finden wir in den fünfhundert Jahren nach Gutenberg den frühen Handschriften vergleichbare Drucke, wo gar schönere! Warum sind es nur die ersten Drucke und nur ganz wenige aus späterer Zeit, die in der Gegenüberstellung mit den Handschriften des Mittelalters standhalten! - Weil sie kontinuierlich daraus erwuchsen und nach der manuellen Korrektur des Meisters, der selbst die "Kunst des Schreibens" noch beherrscht haben muß, wie geschrieben aussahen.

Neue  Techniken in der Herstellung von Drucklettern (Metallmatrizen anstelle von Holzschnittbuchstaben) ermöglichten die Schaffung immer kleinerer Drucktypen. Die handgeschöpften Papiere, anstelle von Pergament zum Druck verwendet, waren in ihrer Oberfläche uneben. Sie konnten noch nicht in tonnenschweren Kalandern geglättet werden. So mußte zur Erlangung eines gleichmäßigen Druckbildes der Druck in der Presse erhöht werden., um eine satte Schwärzung zu erzielen. Jede Druckverstärkung aber mußte zwangsläufig einen Teil der Farbe über die Ränder der Lettern quetschen. Der Druck wurde unsauber. Also schnitt man der Größe der Schrift entsprechend die Lettern offener und dünner, und je nach Schriftart entstanden drei und mehr verschieden starke Schriftschnitte, die zur kleinsten Schrifttype hin immer magerer wurden.

Der Menge der in einer Zeile gewohnten Buchstaben entsprechend konnte bei Verwendung kleinerer Schrifttypen nun auch die Spaltenbreite verringert werden, wodurch eine größere Leseschnelligkeit erreicht wurde. Meist vergrößerte man aber gleichzeitig die Zeilenzwischenräume, und durch das Aufgeben der Buchstabenbindung entwickelten sich die Buchstaben mehr und mehr zu Einzelsymbolen. Außerdem fand man schnellere Formen des Zeilenausgleichs. Während anfangs die Zeilen noch mit einer Menge von Kürzeln und Füllzeichen ausgeglichen werden konnten, teilweise geschah dies durch manuelles Nachschneiden des Setzers, ohne daß Schwärzungsgrad und Wortabstände verändert wurden, fand man im Spationieren und Sperren eine rationellere Form des Zeilenausgleichs. Mit diesen und den zuvor erwähnten Neuerungen ging der ebenmäßige Grauwert der Schriftzeilen und somit auch des Schriftbildes verloren. Das Schriftbild war zusehends blasser geworden. Von der satten Schwärzung der Wiegendrucke war nicht viel übriggeblieben.

In dem Maße, in dem Literatur an Publizität gewann, verlor die Schrift an ästhetischem Reiz. Das Tempo der immer leistungsfähiger arbeitenden Druckmaschinen bestimmte auch das Tempo in der Herstellung von Schriftsätzen. Irgendewo aber war dem Wachstum der Schriftsetzereien eine Grenze gesetzt, denn der Einstellung neuer Schriftsetzer mußte zwangsläufig die Anschaffung neuer Setzkästen und Regale folgen. Also erfand ein kluger Kopf die Setzmaschine, die es erlaubte, von einzelnen Buchstabenmatrizen beliebig viele Zeichen abzugießen. Den Ausgleich zur geschlossenen Zeile besorgten sogenannte Spatienkeile, die ohne Rücksicht auf ästhetische Gesichtspunkte die Wortbilder einfach auseinanderschoben. Die Technik hatte wieder einmal gesiegt, und erst recht, als die Setzmaschine erfunden war, die es erlaubte, sogar Einzelbuchstaben zu gießen. Bei Korrekturen brauchte fortan nicht mehr die ganze Zeile neu gegossen zu werden. Glattere Papiere kamen auf den Markt, die Anzahl der verschiedenstarken Schriftschnitte aber wurde nicht verringert und bis in unsere Tage beibehalten. Dies alles führte zu der nun schon als ästhetisch empfundenen "vornehmen Blässe" des Schriftbildes. Aus dem einstmals kräftigen Gewebe war ein feinmaschiges Sieb geworden.

Die gesunde Statik der Buchstabenbindung, die zu geschlossenen Wortbildern und kräfigen Zeilenbändern geführt hatte, an denen sich auch der fast Blinde wie an einem Geländer entlangtasten konnte, war dem vermeintlichen Fortschritt zum Opfer gefallen.
Gerade heute, fünfhundert Jahre nach Gutenberg und vierhundert Jahre nach Schließung der letzten Schreibmeisterwerkstätten, könnte die Handschrift wieder zu Ehren gekommen sein, denn ihr stehen, begünstigt durch die rasante Entwicklung der Fotographie, Reproduktionstechniken zur Verfügung, die es ermöglichen, mit einer einzigen Aufnahme gleich mehrere handgeschriebene Seiten aufzunehmen und auf Druckträger zu kopieren. Die Handschrift sollte aber nicht für jeden Zweck und Inhalt verwendet werden, sondern nur für solche, die eine Bevorzugung gegenüber den Massendrucksachen verdienen. Es sollten Inhalte sein, die kraft ihrer Sprache und Aussage eine Auszeichnung verdienen, nicht etwa die sogenannten "Bestseller", die für kurze Zeit dank des enormen Werbeaufwands einen vorprogrammierten Umsatz erreichen müssen, um dann ebenso schnell im veränderten Zeitgeschmack wieder unterzugehen. Auch sollte die Handschrift nicht in Massenauflagen abgewertet werden, denn die Sorgfalt des Schreibens sollte in der Wahl des Druckverfahrens eine ihr adäquate Wiedergabe finden, die dem Charakter und Aufwand des Handsschreibens entspricht. Auch wäre die Rückkehr zum Unikat weder vom rationellen noch vom rationalen Gesichtspunkt her in unserer Zeit vertretbar. Hier bietet sich der Handpressendruck mit der ihm gemäßen Auflagenhöhe als sinnvolle Alternative an. Die Maximalgrenze dürfte hier bei 1000 Drucken erreicht sein. In keinem Falle darf die Sorgfalt des Handpressendrucks unter Zeitzwang geraten.

Wer dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist, muß nicht unbedingt ein Reformer sein und wer verlorengegangene Werte pflegt, erhält und weiterführt, muß kein Reaktionär sein. Und es muß nicht irrational sein, wenn in einer Zeit, da Rotationsmaschinen in Windeseile kilometerlange Papierschlangen bedrucken, wo Satelliten farbige Bildberichte sekundenschnell um den Erdball tragen, wo Computer uns helfen, Unmengen an Informationen sinnvoll zu verarbeiten, noch Menschen bestrebt sind, das Erbe einer großen Zeit zu pflegen und weiter zu entwickeln und noch Buchstabe für Buchstabe von Hand schreiben.
Schreiben ist eine Disziplin, die dem Schreiber, bedingt durch die technischen Schwierigkeiten des Schreibens, genügend Zeit läßt, das Geschriebene auch geistig zu verarbeiten. Spätestens beim Schreibvorgang lernt der Kalligraph auch den Textinhalt kennen. Er ist kein seelenloser Computer, der alles speichert und reproduziert, womit er gefüttert wird. Seine Hand vermag wertvolle Texte zu adeln, schlechte dagegen sollte sie erst gar nicht schreiben. Ein von Hand geschriebener und zugleich geistig verarbeiteter Text kann schließlich nicht seziert werden wie ein toter Körper.

Meine erste Begegnung mit Original-Handschriften des Mittelalters und Inkunabeln fand im Tresoraum der erzbischöflichen Bibliothek in Paderborn statt. Ich war 15 Jahre alt und dachte nicht im entferntesten daran, daß dieses erste bibliophile Erlebnis einmal meinen beruflichen Werdegang beinflussen könnte. Merkwürdigerweise waren es nicht die reichverzierten Initialen, auch nicht die illuminierten Buchmalereien, die einen bleibenden Eindruck in mir hinterließen. Vielmehr war es das ruhige Gleichmaß der Schriftbilder, das mich fortan in Gedanken begleitete. Die gewebeartige Wirkung, je nach Schriftart, Zeilenabstand und Schriftgröße verschieden in ihren Grauwerten, beeinflußte dann auch meine ersten kalligraphischen Versuche. Zwar hatte ich schon meine ersten Schreibversuche hinter mir, ohne daß sie bemerkt worden waren, denn niemand hätte erfahren dürfen, daß ich meinen älteren Brüdern, die in der Schriftunterricht hatten heimlich die Federn stahl, um es ihnen gleichzutun. So ließ ich mir nach einem Bombenangriff auf Paderborn den Lohn für Aufräumungsarbeiten in einer Buchhandlung am Dom nicht mehr in Büchern oder Geld, sondern in Schreibfedern, Tusche und Papier auszahlen. Das Bücher sammeln hatten mir meine Tanten, in deren Obhut ich mich in den letzten Kriegsjahren befand, kräftig vergrault. Ein Rembrandt-Buch, das ich zuvor stolz durch Schutträumen erstanden hatte, tauschten sie kurzerhand wegen jugendgefährdender Darstellungen gegen einen heiligen Liborius aus Keramit um, der prompt alle weiteren Bombenangriffe unversehrt überstand. Ein Wunder? Wohl kaum, denn er war von Geburt her bereits ein gebranntes Kind. Aus den Trümmern der Stadt rettete ich nur einen Koffer, der war so schwer, daß Verwandte und Bekannte mich gleichermaßen für verrückt erklärten, denn er enthielt nur die bereits erwähnten Utensilien, Tusche, Federn und Papier. Niemand konnte verstehen, daß ich diesen Schatz lieber rettete als Kleidung und Lebensmittel.
Nach Rückkehr in meine Heimatstadt Hagen begann ich mit meinen ersten Schriftversuchen, wobei mich besonders die langen zusammenhängenden Texte reizten. Eine Jugendausstellung im Karl-Erst-Osthaus-Museum verschaffte mir schon bald Gelegenheit, meine Arbeiten öffentlich zu zeigen. Eine Audienz beim Oberstadtdirektor war die erste offizielle Anerkennung. Ich wurde nach meinen Berufszielen gefragt, und die Stadtspitze versprach Förderung. Beim Stichwort "Grafiker" bemerkte der Kulturdezernent, im Rathaus gäbe es auch einen Grafiker. Der Oberstadtdirektor verneinte. Neugierig machte ich mich auf die Suche, meinen ersten Berufskollgen kennenzulernen. Nach vielen Recherchen lernte ich einen Inspektor kennen, dessen Augen schelmisch aufleuchteten, als ich nach dem Rathaus-Grafiker fragte. "Grafiker, ja gewiß, wir haben hier einen, der nennt sich so. Der schreibt die Schilder "Herren" und "Damen" und "Zum Hofe" und beschriftet die Aktenordner."
Kurz darauf lernte ich in Freiburg einen ehemaligen Schüler Rudolf Kochs kennen. Er empfahl mir eine Bewerbung an der dortigen Kunstakademie, wo er einen Lehrauftrag erwartete. Die Zeit bis zur Eröffnung der Akademie nutzte ich als Volontär in einem Grafischen Betrieb in Hagen, wo ich einen umfassenden Einblick in alle Druck- und Reproduktionstechniken erhielt. Als die Akademie endlich die Tore öffnete, waren es zunächst nur die Maler und Bildhauser, die mit dem Studium beginnen konnten. Die Eröffnung der Grafikklasse war noch nicht abzusehen. Mit einem Empfehlungsschreiben der Akademie wurde ich auch ohne Prüfung an den Kölner Werkschulen angenommen. Nun glaubte ich, der kalligraphische Himmel sei für mich aufgetan. Wie groß aber war die Enttäuschung, als ich fast aussschließlich Gipsfiguren zeichnen mußte. Daß dies nicht unnütz war, erkannte ich erst später. Zudem hatte ich zum Schriftschreiben seit meinen Freiburg-Besuchen nicht mehr das Verhältnis wie vorher.

Beim Zuschauen war ich belehrt worden, daß die geschriebene Schrift vor der Reproduktion einer Nachbehandlung unterworfen werden muß. Und ich konnte zusehen, wie der Meister Buchstabe für Buchstabe mit Pinsel und Deckweiß fein säuberlich die Konturen nacharbeitete. Den Beweis lieferte eine zehnfach vergrößernde Lupe. Und der Meister, dem ich vertraute, sagte: "Deckweiß ist das wichtigste Hilfsmittel de Grafikers." So verlor ich durch die Veredelung der Schrift viel kostbare Zeit und letztendes auch die Lust. Heute gehört dieses Hilfsmittel nicht mehr zu meinen Schreibutensilien.

Als ich nach zwei Semestern in die Schriftklasse aufgenommen wurde, war dies nicht mehr von der Musik begleitet, die ich mir erträumt hatte. Schriftkonstruktionen und Alphabete schreiben in einer Atmosphäre wie in einer Mönchsklause. Man hörte nur das monotone Kratzen der Schreibfedern. Vollgeschriebene Blätter, war das die so sehnlich erstrebte Kalligraphie? Zweifel und Unsicherheit über den Sinn des Handschreibens ließen mich mehr und mehr ins grafische Lager überwechseln. Erfolge bei Wettbewerben schienen mir recht zu geben und meine Annahme zu bestätigen, daß der kalligraphische Zug bereits abgefahren sei. Außerdem war mir nicht verborgen geblieben, daß die "Künstler" nur ein müdes mitleidiges Lächeln für die Schriftleute übrig hatten. Wen wurndert es da, wenn auch einige Lehrer die Ansicht vertraten, Köln sein kein Pflaster für Kalligraphie. Der Süden sein viel aufgeschlossener für diese Kunst. Führt man sich dagegen vor Augen, daß unter der warmen Sonne des Südens die Hand auf dem Papier kleben bleibt, und denkt man gleichzeitig an die vielen kalligraphischen Sünden, die den Pilgern mit auf den Weg gegeben werden, dann möchte man schon lieber in Spitzbergen wohnen, um einen kühlen Kopf zu behalten und die große Kölner Tradition (vergangener Zeiten) nicht zu vergessen.

Meinen ersten Auftrag erhielt ich von einem Kölner Weingroßhändler. Zwei Wochen malte ich an einem DIN-A-O-Plakat für die Karnevalszeit. Dem Buchbinder mußte ich 15 Mark fürs Aufkaschieren zahlen und erschien stolz bei meinem Auftraggeber. Dieser war sehr zufrieden und ich nannte zaghaft meinen Preis. "45 Mark, sind Sie wahnsinnig?" In 6 Wochen schmeiße ich das Plakat doch weg. Dann ist Karneval vorbei. Kommen Sie mal mit!" In seinem Büro wies er auf ein kleines Bild an der Wand. Röhrender Hirsch in Öl auf Leinwand und er sagte: "Das ist ein Kunstwerk - Dafür habe ich über hundert Mark bezahlt. Das hat einen ewigen Wert, und Sie wollen für eine Sache, die ich in sechs Wochen nicht mehr gebrauchen kann, 45 Mark haben? Sie müssen doch einsehen, daß das in keinem Verhältnis zueinander steht!" Wir einigten uns schließlich auf einen Hungerlohn und mir fielen all die Warnungen ein, daß Grafik eine brotlose Kunst sein. Das dies nicht so war, bewiesen die vielen erfreulichen Erlebnisse, die bei weitem überwogen. Daß ich als Schüler der Schriftklasse Meisterschüler werden konnte, war schon ein Novum. Daß ich nach Verlassen der Schule gleiche Aufträge hatte, von denen ich eine Familie ernähren konnte, war ermutigend. Die Beschäftigung mit der Fototgraphie und Gründung eine Color-Labors für den Eigenbedarf machte mich auch gegenüber den Werbeagenturen wettbewerbsfähig. Meine Auftraggeber saßen oft bis in die Nächte neben mir und schauten bei der Entstehung ihrer Entwürfe zu. Schrift spielte dabei nur noch eine untergeordnete Rolle, sie war mehr Mittel zum Zweck geworden.
Fast hatte ich schon meine Jugendträume vergessen, als eines Tages das Telefon klingelte: "Sie sind meine letzte Hoffnung! Halb Europa habe ich schon abtelefoniert, um einen zu finden, der hebräisch schreiben kann. Sagen Sie bitte nicht nein, sonst kann eine wichtige Ehrung nicht stattfinden." Halb aus Mitleid, halb aus Neugier sagte ich zu, ohne zu wissen, daß hebräisch von rechts nach links geschrieben wird. Anrufer war ein jüdischer Rechtsanwalt, der zwei Pergamente beschriftet haben wollte. Termin war der nächsteVormittag. Schnell wurde der Oberkantor der Synagoge mobil gemacht, um mir die fremden Schriftzeichen zu erklären, dann gings an die Arbeit, für die nur noch die Nachtstunden zur Verfügung standen. Kurze Korrektur am Morgen, und der Festakt war gerettet. Als ich später erfuhr, daß anwesende Rabbiner geäußert hatten, die Pergamente müßten von einem der Ihren geschrieben worden sein, wurde ich übermütig. Und ich äußerte den Wusch, selbst einmal eine Bibel zu schreiben, hebräisch/deutsch natürlich. Der Anwalt war begeistert von der Idee und versprach, das Objekt zu finanzieren. Leider verstarb er kurz darauf und ich begann durch Ausstellungen zu testen, ob ein Interesse für solche Dinge bestand. Eine der ersten war bei Ernst Fuchs in Wien. Er war es auch, der mir in späterer Zeit immer wieder Mut gemacht hat.
Nun sollte endlich das geplante Buch folgen, und ich reiste von Verleger zu Verleger. Begeistert von der Idee waren eigentlich alle. Die Furcht vor dem Risiko hatten ebenfalls alle gemeinsam. Einer versprach schließlich, das Werk herauszubringen, wollte aber keinerlei Vertrag mit mir abschließen , und das bei einem Zeitaufwand von mindestens einem Jahr. Einzige Alternative schien die Gründung einer eigenen Presse zu sein. Dieses Wagnis fiel in das Jahre 1968. Ihr Name, "Dreikönigspresse zu Köln". Der Name flog mir zu, als ich gerade wieder zwei Verleger in der Schweiz besucht hatte. Beide hatten mich zu meinem geplanten Abenteuer ermuntert, doch hat wohl kaum jemand geahnt, daß mir zur Verwirklichung dieses Plans jegliche Mittel fehlten. In weniger als einer Stunde entstand das Bildzeichen. Das Patentamt erteilte seinen Segen, und ich fand im Siebdruck die Druckform, die die bestmögliche Wiedergabe der Handschrift versprach. Neben einer Siebdruckpresse schaffte ich für die Vergoldung der Initialen eine Prägepresse an. Mit dem ersten Handpressedruck, es war der "Eid des Hippokrates" griechisch/deutsch, suchte ich einen Abnehmer und fand ihn einen Abnehmer. Durch die Abnahme der gesamten Auflage war ich in der Lage, den Grundstock zu meiner Handpresse zu finanzieren. Zwar findet man nicht immer einen so potenten Käufer, doch zahlten sich Beharrlichkeit und Qualität im Laufe der Jahre aus. Ich bin ein Einmannbetrieb geblieben und erledige alle Arbeitsgänge allein, Schreiben, Fotografieren, Lithografieren, Kopieren, Drucken und Prägen. Die Erfahrungen, die ich in der Reprotechnik erlangt hatte, kamen mir jetzt zugute.
Oft werde ich gefragt, warum ich die großen Formate bevorzuge, wo doch die meisten Menschen unter Platzmangel leiden und kaum eine Wand frei haben. Da erinnere ich dann gern an die repäsentativen Bücherwände, die für manch bedeutende Aussage zur ewigen Grabkammer geworden sind. Überangebot und Massenproduktion müssen schließlich dahin führen. Und gerade das möchte ich verhindern, indem ich wertvolle Texte auswähle, um sie als Wandblatt jedem zugängig zu machen. Diese werden erfahrungsgemäß von vielen gelesen, von machen sogar viele Male. Während ein Teil der Betrachter vom Inhalt her angesprochen wird, kommen andere über die Ästhetik zum Inhalt.
Ich habe Schrift nie als Experimentierfeld betrachtet und sie immer so gestaltet, daß sie auch lesbar ist und die Freude am Lesen weckt. Der Disziplin des Schreibens sollte eine Disziplin des Lesens folgen. Würdig gestaltete Texte werden nicht einfach heruntergerattert. Man nimmt sich Zeit zum Lesen, zudem verhindert das große Format ein allzu schnelles Lesen.

Nicht immer stößt man in Kreisen, in denen Fachwissen und Verständnis vorausgesetzt werden darf, auf Anerkennung. So erhielt ich eines Tages vom Feuilletonchef einer großen Kölner Zeitung ein paar Schriftblätter (es waren Plato, Hippokrates und die Weihnachtsgeschichte) zurück mit dem Vermehrk: "Anbei die Buchstabenplakate. Sie sind für unsere Zwecke unbrauchbar." Und auf die Nr. 1 meines Handpressendrucks "Köln im Zeugnis der Jahrhunderte" den ich dem damaligen Kölner Oberbürgermeister laut Anschreiben dediziert hatte, warte ich noch heute auf Antwort, während der Ministerpräsident mir aufgrund diese Blattes den Auftrag erteilte, eine Chronik des Landes Nordrhein Westfalen zu erstellen. Interessant ist vielleicht noch, daß ein solches Köln-Blatt Anfang 1975 im Auktionskatalog von Venator angeboten würde. Es stammte aus den Zwangsversteigerungsobjekten des Bankhauses Herstatt. Es wäre natürlich töricht, hier einen Zusammenhang sehen zu wollen.

Wie man beim Rudern die Schlagzahl nicht nach Belieben erhöhen kann, so sind auch dem Schreiber und Handpressendrucker Grenzen gesetzt. Ein befreundeter Drucker bekam beim Zuschauen, wie er sagte, die "Pimpernellen", weil ihm das Ganze nicht schnell genug ging. Er bot mir an, einmal den Versuch auf einer seiner schnellaufenden Offsetmaschine zu machen. Seiner großen Erfahrung vertrauend, ging ich auf das Angebot ein, und im Handumdrehen waren 300 Bogen des teuren handgechöpften Papiers verdruckt. Die Maschnine war eben nur mit dem ungleichen Büttenrand nicht fertig geworden. Außerdem macht sich der große Unterschied im Farbauftrag bemerkbar (3-5 mü gegenüber 15 mü). Im Siebdruck hatte ich die Druckart gefunden, die für die original getreue Wiedergabe der Handschrift den sattesten Farbauftrag lieferte.
Waren die Kritiker lange Zeit stumm geblieben, weil die vergleichbaren Objekte fehlten (Kritik lebt scheinbar nur vom vergleichbaren Objekt), so fand schließlich doch einer den Mut, den Anfang zu machen und über meine Arbeit zu schreiben. Andere folgten bald, das Fernsehen kam mehrere Male ins Haus, fast alle aber verglichen mich mit den Mönchen des Mittelalters. Ein Journalist schrieb sogar: "Er ist ein direkter Nachfahre der Mönche." Wenngleich er mir den Beweis schuldig geblieben ist, so umrankte mich doch allmählich der Nimbus des Mönches. Daß dieser schnell wieder verschwand, dafür sorgte eine Edition aus Bonn. "Wir haben in der Bücherstube am Theater von Ihnen ein paar Psalmen gesehen, hebräisch/deutsch. Die haben uns so gut gefallen, daß wir Sie bitten möchten, uns für eine Mappe mit Radierungen einen Vorspann zu schreiben. Ich nahm den Auftrag an, die Psalmen vor Augen, und schrieb und druckte drei Seiten englisch/deutsch auf handgeschöpftem Amalfi-Bütten. 20000 Prospekte wurden gedruckt, in denen mein Name und meine Handpresse genannt waren. Neugierig auf den neuen Dürer fragte ich, ob ich die Radierungen einmal sehen könnte. "Kommen Sie zum Kunstmarkt nach Köln, dort stellen wir das Werk vor." Ich ging hin, und was sah ich da? 20 Radierungen über einunddasselbe Thema: Penis am Fenster, Penis als Rakete, Penis als Rennwagen, Penis als Kanone undsoweiterundsofort. Der Nimbus des Mönches war verflogen und ich fühlte mich unsanft wieder auf die Erde zurückversetzt. Von jetzt an war ich vorsichtig bei der Annahme von Aufträgen.
Wer viel liest, beweist damit nicht, daß er auch alles gelesene verstanden hat. Mit der Technik des Druckens hat sich auch die Technik des Lesens geändert. Man hat gelernt, begünstigt durch die Schmalspalte, diagonal zu lesen, wodurch die Leseschnelligkeit bedeutend erhöht werden konnte. Das Auge pickt dabei blitzschnell die wichtigsten Stichworte heraus, während ein im Gehirn gespeichertes Satzchema sie ebenso schnell zusammenfügt, so daß sie einen Inhalt ergeben. Das reicht meist für die Schnellinformation. Die Handschrift dagegen kann nicht diagonal gelesen werden. Sie muß langsamer bewältigt werden, weil das Auge in der geschlossenen Zeile gehalten wird und nicht durchrutschen kann. Die Wortbilder der Handschrift sehen zwar gleich aus, sind es aber nicht. Versuche mit fast Blinden haben gezeigt, daß diese meist keine Zeitung lesen konnten und kein modernes Buch, aber fast jede Inkunabel und Handschrift, auch wenn sie stärker verkleinert waren als Fahrplanschriftgröße. Aber nicht allein durch die strenge Zeilenführung und Buchstabenbindung wird das Auge in der Zeile gehalten. Auch die satte Schwärzung verhindert ein Flimmern vor den Augen. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, daß unsere optische Lesehilfe, die Brille, sich proportional zum blasser werdenden Schriftbild entwickelt und vermehrt hat. Fast jeder Zweite benötigt heute schon eine Lesehilfe. Versuche mit Legastehnikern sollten auch einmal im Hinblick auf die Schriftenentwicklung unternommen werden. Ein zurück zu den alten Werten bringt möglicherweise auch hier Erfolge.

"Wer schreibt, der bleibt!" Ich bleibe beim Schreiben und werde nicht aufhören, die Kunst des Schreibens zu verteidigen selbst auf die Gefahr hin, daß die Typographen mich mit allen verfügbaren Bleilettern bewerfen.

Werner Eikel